Es ist Mittwoch, 15:30 Uhr. Sarah sitzt im Büro und checkt nervös die Uhr. In 30 Minuten muss sie ihre Tochter vom Kindergarten abholen. Gleichzeitig läuft ein wichtiges Meeting, das eigentlich noch eine Stunde dauern sollte. Der Stress steigt. Die Konzentration sinkt.
Diese Situation kennen Millionen berufstätige Eltern.
Und sie kostet – nicht nur Nerven, sondern auch Produktivität, Loyalität und am Ende gute Mitarbeitende.
Die gute Nachricht: Es geht anders. Familienfreundliche Arbeitsmodelle sind kein Nice-to-Have mehr. Sie sind ein strategischer Vorteil im Kampf um Talente. Und sie funktionieren – für beide Seiten.

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Das Problem: Familie und Karriere als Entweder-Oder
Die Zahlen sprechen für sich:
- 42% der berufstätigen Eltern in der Schweiz fühlen sich zwischen Job und Familie zerrissen (BFS 2023)
- 31% der Mütter arbeiten Teilzeit – nicht aus Wunsch, sondern aus Notwendigkeit
- Jede dritte Fachkraft hat schon mal einen Job abgelehnt, weil er nicht familienfreundlich war
Das Ergebnis?
Unternehmen verlieren qualifizierte Mitarbeitende. Nicht wegen fehlender Skills. Nicht wegen mangelnder Motivation. Sondern wegen starrer Strukturen.
Und Eltern?
Die zahlen den Preis mit Karriereknicks, finanziellen Einbussen und permanentem schlechtem Gewissen – egal, ob sie im Büro sitzen oder zuhause bei den Kindern sind.
Was familienfreundliche Arbeitsmodelle wirklich bedeuten
Familienfreundlichkeit heisst nicht: "Eltern dürfen früher gehen."
Familienfreundlichkeit heisst: Strukturen schaffen, in denen Menschen beides können – gute Arbeit leisten UND für ihre Familie da sein.
Die wichtigsten Modelle im Überblick:
1. Flexible Arbeitszeiten
Nicht jeder Job muss von 9 bis 17 Uhr laufen. Flexible Kernzeiten ermöglichen:
- Früher starten, früher gehen
- Später starten, später gehen
- Zeitausgleich bei wichtigen Terminen (Elternabend, Arzt, Kinderbetreuung)
Was es bringt: → Eltern können Betreuungszeiten besser abdecken → Weniger Stress, mehr Fokus → Höhere Produktivität in den Arbeitsstunden
2. Home Office / Remote Work
Seit Corona wissen wir: Viele Jobs funktionieren auch von zuhause. Für Eltern bedeutet das:
- Keine Pendelzeit = mehr Zeit mit der Familie
- Flexibilität bei kranken Kindern
- Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familienalltag
Was es bringt: → Weniger Absenzen → Höhere Zufriedenheit → Zugang zu Talenten ausserhalb der Pendelzone
3. Teilzeitmodelle – auch in Führungspositionen
Teilzeit ist nicht nur für Mütter auf Junior-Positionen. Moderne Unternehmen ermöglichen:
- Jobsharing (zwei Personen teilen sich eine Stelle)
- Führung in Teilzeit (60-80%)
- Projektbasierte Teilzeit
Was es bringt: → Erfahrene Fachkräfte bleiben im Unternehmen → Diversität in Führungsteams → Frische Perspektiven durch Job-Rotation
4. Elternzeit – für beide Elternteile
Väter wollen auch Eltern sein. Unternehmen, die das unterstützen:
- Bieten bezahlte Vaterschaftszeit (über gesetzliches Minimum hinaus)
- Ermutigen Väter aktiv, Elternzeit zu nehmen
- Schaffen Kultur, in der das normal ist
Was es bringt: → Gleichere Verteilung der Care-Arbeit → Mütter können schneller wieder einsteigen → Väter sind zufriedener und loyaler
5. Betriebliche Kinderbetreuung
Kita-Plätze sind Mangelware. Unternehmen können:
- Eigene Betriebskitas anbieten
- Kita-Plätze reservieren/finanzieren
- Ferienbetreuung organisieren
Was es bringt: → Planungssicherheit für Eltern → Kürzere Ausfallzeiten → Attraktivität als Arbeitgeber steigt massiv
6. Vertrauensarbeitszeit statt Anwesenheitspflicht
Nicht Stunden zählen, sondern Ergebnisse messen:
- Keine fixen Bürozeiten
- Fokus auf Output, nicht Input
- Selbstverantwortung statt Mikromanagement
Was es bringt: → Erwachsene Menschen werden wie Erwachsene behandelt → Höhere Eigenverantwortung → Bessere Work-Life-Balance für alle (nicht nur Eltern!)
Der Business Case: Warum sich Familienfreundlichkeit rechnet
"Das ist doch alles schön und gut – aber rechnet sich das auch?"
Ja. Und zwar massiv.
Die harten Zahlen:
ROI von Familienfreundlichkeit:
- 25% weniger Fluktuation bei familienfreundlichen Arbeitgebern (Prognos-Studie)
- Kosten einer Neubesetzung: 50-150% des Jahresgehalts
- Bei einer Stelle mit CHF 80'000 Gehalt: CHF 40'000 - 120'000 Verlust bei Weggang
Rechnung:
→ 10 Mitarbeitende weniger Fluktuation pro Jahr
→ Einsparung: CHF 400'000 - 1.2 Mio.
Dazu kommen:
→ 16% höhere Produktivität durch flexible Arbeitsmodelle (Stanford-Studie)
→ 32% weniger Krankheitstage bei Mitarbeitenden mit guter Work-Life-Balance
→ 41% höheres Engagement bei Unternehmen mit familienfreundlicher Kultur (Gallup)
Und der stärkste Faktor:
→ Zugang zu einem Talent-Pool, den andere ignorieren: Eltern mit 10-15 Jahren Berufserfahrung, die nur einen Arbeitgeber suchen, der ihre Lebensrealität versteht.
Was erfolgreiche Unternehmen anders machen
Familienfreundlichkeit ist keine Frage von Grösse oder Budget. Es ist eine Frage der Haltung.
5 Prinzipien, die funktionieren:
1. Führung geht voran
Wenn der CEO um 16 Uhr zum Kindergarten geht, ist das ein Signal. Wenn die Geschäftsführerin in Teilzeit arbeitet, ist das Kultur.
Bottom-up funktioniert selten. Top-down immer.
2. Vertrauen statt Kontrolle
Die Frage ist nicht: "Wie kontrolliere ich, ob die Leute wirklich arbeiten?" Die Frage ist: "Wie schaffe ich Strukturen, in denen gute Arbeit möglich ist?"
3. Messbare Ziele statt Anwesenheit
Nicht: "Du musst 40 Stunden im Büro sein." Sondern: "Diese drei Projekte müssen bis Ende Monat fertig sein."
4. Offene Kommunikation
Eltern sollen nicht heimlich um 15:30 Uhr verschwinden müssen. Wenn Meetings um 16 Uhr angesetzt werden, sollte klar sein: Manche können nicht. Und das ist okay.
5. Familienfreundlichkeit für alle
Nicht nur Eltern profitieren von Flexibilität. Auch Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen. Oder Sportler:innen. Oder Leute, die einfach produktiver sind, wenn sie um 6 Uhr morgens anfangen.
Familienfreundlichkeit = Menschenfreundlichkeit.
Häufige Einwände – und warum sie nicht stimmen
"Das funktioniert in unserer Branche nicht."
→ Mag sein, dass nicht jedes Modell passt. Aber irgendetwas geht immer.
→ Schichtarbeit?
→ Planbare, fixe Schichten über Monate hinweg
→ Kundenkontakt?
→ Kernzeiten für Erreichbarkeit, flexible Randzeiten
→ Produktion?
→ Jobsharing, Teilzeitschichten
"Teilzeit bedeutet weniger Leistung."
→ Studien zeigen das Gegenteil: Teilzeit-Mitarbeitende sind oft produktiver pro Stunde
→ Weniger Burnout, mehr Fokus
→ 80% Stelle ≠ 80% Output. Oft eher 90-95%.
"Das ist unfair gegenüber Kinderlosen."
→ Nur wenn Familienfreundlichkeit = Sonderrechte für Eltern
→ Richtig gemacht = Flexibilität für alle
→ Jede:r hat Lebensumstände, die Flexibilität brauchen
"Wir sind zu klein dafür."
→ Flexible Arbeitszeiten kosten nichts
→ Home Office kostet nichts
→ Vertrauensarbeitszeit kostet nichts
→ Sogar KMU können Teilzeit, Jobsharing, Väterzeit anbieten
Was du als Unternehmen tun kannst – konkrete Schritte
Du musst nicht alles auf einmal ändern. Aber irgendwo anfangen.
Phase 1: Quick Wins (0-3 Monate)
✅ Flexible Kernzeiten einführen
→ Nicht mehr 9-17 Uhr fix, sondern z.B. Kernzeit 10-15 Uhr
✅ Home Office ermöglichen
→ 1-2 Tage/Woche als Standard
✅ Meetings nur zwischen 9-16 Uhr
→ Keine wichtigen Calls um 17:30 Uhr mehr
Phase 2: Kulturwandel (3-12 Monate)
✅ Führungskräfte schulen
→ Wie führe ich remote/hybrid Teams?
→ Wie messe ich Output statt Anwesenheit?
✅ Teilzeit-Optionen ausbauen
→ Auch für Senior-Positionen
✅ Väter ermutigen, Elternzeit zu nehmen
→ Bezahlte Vaterschaftszeit über gesetzliches Minimum hinaus
Phase 3: Strukturelle Veränderungen (12+ Monate)
✅ Jobsharing-Modelle pilotieren
→ Zwei Personen teilen sich eine Führungsposition
✅ Betriebliche Kinderbetreuung prüfen
→ Kooperation mit Kitas, Ferienbetreuung
✅ Familienfreundlichkeit als Employer Brand
→ Aktiv kommunizieren: "Wir sind familienfreundlich – und das meinen wir ernst"
Was du als Elternteil tun kannst
Familienfreundlichkeit fällt nicht vom Himmel. Du darfst sie einfordern.
Im Bewerbungsgespräch:
❓ "Wie sieht Familienfreundlichkeit bei euch konkret aus?"
❓ "Gibt es Führungskräfte in Teilzeit?"
❓ "Wie viele Väter nehmen Elternzeit?"
❓ "Arbeiten Mitarbeitende regelmässig im Home Office?"
Rote Flaggen:
→ "Wir sind wie eine Familie hier" (= unbezahlte Überstunden erwartet)
→ "Wir erwarten Flexibilität" (= nur von dir, nicht vom Unternehmen) → "Das machen wir individuell" (= keine klaren Regelungen)
Grüne Flaggen:
→ Konkrete Beispiele von Mitarbeitenden in Teilzeit/Home Office
→ Klare Regelungen in Arbeitsverträgen
→ Führung geht mit gutem Beispiel voran
Im bestehenden Job:
✅ Sprich es an
→ "Ich würde gerne auf 80% reduzieren – können wir darüber sprechen?"
✅ Komm mit Lösungen, nicht nur Problemen
→ "Ich schlage vor: Ich arbeite Mo-Do Vollzeit und Fr Home Office"
✅ Zeig, dass es funktioniert
→ Pilotphase vereinbaren, dann evaluieren
Links & Ressourcen
Für Unternehmen:
- Friendly Workspace – Label für familienfreundliche Unternehmen in der Schweiz
- EKFF – Eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen
Für Eltern:
- Pro Familia Schweiz
- männer.ch – Infos zu Vaterschaft und Elternzeit
Was bleibt
Familienfreundliche Arbeitsmodelle sind kein Luxus. Sie sind kein Goodwill-Projekt. Sie sind auch kein "Frauenthema".
Sie sind die Zukunft der Arbeit.
Weil Unternehmen, die Lebensrealitäten ignorieren, Talente verlieren. Weil Eltern, die sich zwischen Job und Familie entscheiden müssen, ausbrennen. Und weil es verdammt nochmal 2026 ist – und wir es besser können.
Es zählt, was du kannst. Nicht, ob du um 17 Uhr noch im Büro sitzt.